“Ich schaffe es einfach nicht”

Aus dem Buch “Nein Sagen – Aber richtig – Für Anfänger”

 

Verschwommen rasten die grell leuchtenden Lampen von oben nach unten vor Neele vorbei. Dazwischen immer wieder weiße Deckenfelder. Alles drehte sich, sie konnte sich nicht regen, hatte Angst herunterzufallen, als es um eine Kurve ging. Sie spürte die Kälte und die Härte der rappelnden Transportliege unter sich. Schnelle Schritte hallten um sie herum, warfen ihr unwirkliches Echo zurück. Gehetztes Atmen eines Mannes drang nahe zu ihr. Neben sich sah sie das gehetzte Gesicht und den Oberkörper eines rennenden Sanitäters oder Arztes, hörte wieder dieses hechelnde, von Todesernst getragene Atmen. Er trug eine grell rote Jacke mit weißen Reflektoren. Sie versuchte, ihren Kopf zu heben, doch er fiel schlaff zurück. Angst, Neele hatte Angst. Tränen liefen aus ihren Augenwinkeln an den Ohren vorbei, ohne dass sie den geringsten Einfluss darauf hatte. Eine Tür schlug krachend auf, das Atmen wurde schwerer. Mit einem groben Ruck kam die Transportliege zum Stehen, »Auf drei – eins, zwei drei.« Die Stimmen waren fern. Unsanft wurde sie hochgehoben und in gleicher Weise auf eine andere Liege gelegt. Eine riesige, helle Lampe flammte über ihr auf, ein Gesicht schob sich in ihr Sichtfeld. Alles grün gehüllt, zwischen einer Atemmaske und einem Haarschutz blickten zwei Augen sie an. Braun, gütig, besorgt. Dann wurde es schwarz.

***

Das Piepen im Rhythmus des Pulses hatte ewig von weit her in ihren Ohren geklungen und kam nun näher. Als Neele Wuhlheim wach wurde, lag sie in einem Krankenzimmer der städtischen Klinik — allein. Aus einer über ihr hängenden Kunststofflasche lief tropfenweise eine klare Flüssigkeit durch einen Schlauch. Sie sah daran entlang, bis zu ihrer rechten Hand. Unter weißen Pflastern auf ihrem Handrücken steckte eine dicke Infusionsnadel. Dort mündete der Schlauch aus der Plastikflasche. Sie hob den Kopf, sah an sich herunter, ließ den Kopf wieder sinken. Es raschelte neben ihr, sie sah dort hin. »Verena, was machst du hier? Was ist geschehen?«

»Ganz ruhig, Kleines.« Ihre Freundin war eingenickt, sprang nun auf, stellte sich an Neeles Seite. »Ich habe Dich in deiner Wohnung gefunden, besinnungslos.« Vorsichtig richtete sie das Kopfteil etwas höher, damit Neele bequemer aufsehen konnte. »Was hast du Dir nur dabei gedacht?«
»Was meinst Du?« Neele war noch immer nicht vollständig bei sich.
»Ich meine die Tabletten. Ich meine die Weinflaschen.« Verenas Blick wurde ernst. »Warum hast du nicht mit mir geredet?«
Schlagartig kehrte die Erinnerung zurück. Neele hatte wieder einmal einen dieser zermürbenden Tage hinter sich gebracht, hatte am Abend den Kopf nicht frei bekommen und deshalb eine Flasche Wein geöffnet. Wie so oft, in den letzten Monaten. Dann, als es auf die Nachtruhe zuging, hatte sie eine Schlaftablette genommen. Doch weder Müdigkeit noch innere Ruhe kamen und sie nahm eine Weitere. Die dritte Tablette hatte schließlich gewirkt, bis sie auf der Krankentrage mehr oder weniger zu sich gekommen war.
»Es ist nicht, wie du denkst, Verena. Ich habe nur zur Beruhigung …«
Verena legte ihre Hand auf Neeles Schulter. »Du bist hier als Suizidpatientin eingeliefert worden. Alles hat danach ausgesehen, Neele. Ich mache mir allergrößte Sorgen.«
»Wieder versuchte Neele einzuwenden, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Doch bevor sie etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür und ein gut aussehender Mann trat ein, kam mit ausgestreckter Hand auf Neele zu. »Ich bin Dr. Becker, Frau Wuhlheim. Wie fühlen Sie sich?« Während er sprach, fühlte er ihren Puls, sah dabei auf die Uhr.
»Etwas flau aber soweit recht gut.« Sie wollte sich erheben, doch ein brennender Schmerz riss sie zurück. »Autsch!«
»Bitte bleiben Sie liegen, Frau Wuhlheim.« Dr. Becker zog sich einen Stuhl heran, setzte sich neben sie. »Frau Wuhlheim, Sie hatten Glück im Unglück. Als wir ihren Magen ausgepumpt haben, förderten wir eine erhebliche Menge Blut mit hervor.« Er behielt seinen sanften Blick bei Neele, die sprachlos zuhörte. Er fuhr dann fort. »Hätten wir das geplatzte Magengeschwür nicht behandelt, hätten das übel ausgehen können. So weit die gute Nachricht.«
Neeles Augen weiteten sich verstört. »Ein Magengeschwür? Ich wusste nicht … Was ist dann die schlechte Nachricht?«
Dr. Becker sah zu Verena, die nickte, dann wieder zu Neele. »Frau Wuhlheim, ihre Freundin hat Ihnen heute zwei mal das Leben gerettet. Sowohl das Magengeschwür als auch die Tabletten in Verbindung mit dem Alkohol hätten Sie umgebracht.« Er ließ seine Worte einen Augenblick wirken. »Wenn Ihre Freundin Sie bitten würde, jetzt aufzustehen und mit ihr zusammen etwas zu erledigen. Etwas, das für Ihre Freundin von großer Wichtigkeit ist. Was würden Sie tun?«
»Natürlich würde ich Verena helfen, was denken Sie denn?« Neele war verwundert. Sie sah auf das Namensschild, das der Arzt an seinem Revers trug. Was sollte diese Frage und was dachte dieser Dr. Pascal Becker von ihr?
»Haben Sie nicht etwas Wichtiges vergessen, Frau Wuhlheim?«
Neele atmete tief, sah auf die Infusionsnadel in ihrer Hand. »Verdammt, ich muss nach Hause. Ich habe noch tausend Sachen zu erledigen. Mein Gott, Meine Kollegin braucht dringend die Hose, die ich ihr abnähen soll. Meine Tochter muss übermorgen einen Blechkuchen mit zur Arbeit nehmen. Und …«
Dr. Becker rückte mit ihrem Stuhl nahe an Neele heran. »Frau Wuhlheim, wie viel wollen Sie sich noch aufbürden?« Neele atmete ein, doch sofort hakte Dr. Becker nach. »Sie wollen es allen recht machen, laden sich so viel Arbeit auf, dass es unmöglich zu schaffen ist. Im Ergebnis sind Sie völlig überlastet und ausgepowert. Sie kommen ohne Alkohol und Tabletten nicht in den Schlaf und ohne Aufputschmittel nicht mehr über den Tag. Der Ärger, den Sie selbst mit dieser Lebensweise provoziert haben, hat Sie so weit von innen her zerfressen, dass ein Magengeschwür Sie beinahe dahingerafft hätte.« Er ließ das einen Moment sacken, sah zu Verena.
Zustimmender Blick.
Dann nahm er Neeles Hand. »So weit die schlechte Nachricht, Frau Wuhlheim.« Er zog ein kleines Notizbuch aus seiner Tasche, gab es Neele. »Sie haben das Problem, nicht Nein sagen zu können.« Dr. Becker hob besänftigend die Hand, er hatte sofort Neeles fragenden Blick erkannt. »Keine Sorge, Frau Wuhlheim, ich bin kein Hellseher.« Er blickte kurz zu Verena. »Ihre Freundin hat mir einiges von Ihnen erzählt, in dem ich mich und meine Probleme in der Vergangenheit wiedererkannt habe. Ich weiß sehr genau, wie Sie sich fühlen und was an Ihnen zerrt.« Sein Blick wurde sehr ernst. »Nehmen Sie das, was Ihnen heute widerfahren ist, als Warnung. Um Haaresbreite wäre alles vorbei gewesen.« Er streckte Neele das Notizbuch entgegen. »Ganz vorn in dieses Büchlein habe ich Ihnen meine Ratschläge geschrieben. Weiter hinten sollten Sie Ihre Wünsche und Forderungen notieren, die Sie haben. Und die Menschen notieren, die Ihnen guttun. Genau wie jene, die Ihnen schaden und Sie nur ausnutzen.« Er sah auf die Uhr, stand auf, schob seinen Stuhl wieder an die Wand. »Sie dürfen das und Sie können das.« Er sah sie noch einmal lächelnd an, dann verließ er das Zimmer.
Verena saß noch immer nahe bei ihrer Freundin. »Ich habe nicht gewusst, dass du dieses Problem hast, Neele.« Zärtlich streichelte sie das Haar ihrer Freundin, Tränen liefen beiden Frauen über die Wangen. »Wir werden einiges ändern, meine Liebe. Und ich werde Dir dabei helfen.« Verena blätterte das Büchlein in Neeles Hand auf. Gebannt lasen die beiden darin.
• Denke an Dich
• Sag: »Nein, ich schaffe das nicht!«
• Du bist einzigartig, so wie Du bist.
• Du darfst Wünsche und Bedürfnisse haben. Du hast das Recht dazu.
• Du darfst Nein sagen, wenn Dich etwas überfordert. Auch das Recht hast Du.
• Wer kein Verständnis hat, trägt allein dafür die Verantwortung. Seine Anforderungen sind womöglich zu hoch.
• Sorge für jene, die es Wert sind. Zuerst bist Du es wert!

Konsequenz:
Neeles Pflichtbewusstsein, ihr Bedürfnis, es allen recht zu machen, hat sie in eine prekäre Lage gebracht. Tabletten und Alkohol waren zu ihren Helfern in der Not geworden und brachten sie beinahe ins Grab.

Lösung:
Das Glück lag im Unglück. Dr. Becker hat Neele darauf gebracht, ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen und zuzulassen. Das ist ein sehr wichtiger erster Schritt. Sie dürfen Wünsche haben und Sie dürfen sie äußern. Und Sie dürfen anderen Nein sagen.

Tipp:
Legen Sie sich ein Tagebüchlein zu. Ganz gleich, ob es ein Buch aus Papier oder OneNote auf dem Handy ist. Notieren Sie, was Ihre Wünsche sind. Was möchten Sie nur zu gern erleben, oder tun, oder haben?
Schreiben Sie auch gute und schlechte Erlebnisse auf. Wer hat Ihnen gutgetan? Wer hat Ihnen geschadet?

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