Ein Tag ohne Handy

Ein mörderischer Selbstversuch

Ein mörderischer Selbstversuch
Sie sind überall, niemand kann ohne sie und sie haben Macht über uns. Anfangs empfand ich reine Begeisterung für Handys. Als neugieriger Mensch, der in der Gegenwart lebt und sich über alle Neuerungen freut, war ich Feuer und Flamme. Erst recht die rasante Entwicklung hin zum heutigen Smartphone sehe ich noch immer voller Schwärmerei. Fotos kann ich in bester Qualität machen, muss nicht extra einen Fotoapparat mitführen. Bilder aus dem Urlaub anstatt Postkarten mit Whatsapp versenden, Google dabei, statt Lexika, Kontakte, Geburtstage, Merklisten, tolle Apps – Handys haben unser Leben um vieles erleichtert und angenehmer gemacht.

Als die Zweifel kamen.
Doch irgendwie hege ich schon immer gegen jede Art von Anhängigkeit und Bevormundung Unbehagen. Die rebellischen 70er Jahre haben mich geprägt, aber das mag mein persönliches Problem sein. Ich fand es dämlich, wenn Modemacher diktiert haben, dass die Krawatte nun so breit ist wie ein Sabberlatz oder so schmal wie eine Strippe – die Hosen so weit wie in einem alten Western oder so eng wie ein Taucheranzug zu sein haben – und alle liefen so herum. Nun sind die Jacketts zu kurz, die Kopfhörer riesig wie Schildkröten, die Bärte der Männer lang, ihre Augenbrauen gezupft und die gesunden Chemiezigaretten können auch drinnen gepafft werden.

Bestimme ich selbst?
Die Industrie sagt uns, was ›In‹ ist. Bevor ich griesgrämig werde, akzeptiere ich das schulterzuckend, die Zeit geht weiter und ich muss ja nicht alles mitmachen. Doch vor zwei Tagen geschah etwas Unfassbares: Wie es seit einiger Zeit modern ist, werden Handys nicht mehr ans Ohr gehalten oder mit einem Headset bedient. Der moderne Mensch von heute hält das Smartphone waagerecht vor dem Gesicht und labert dabei in einer Lautstärke, dass im Umfeld von zwanzig Metern alle mithören können. Hatte ich schon erwähnt, dass es modern ist, dass einem nichts mehr peinlich ist?

Da geschah das Unglaubliche.
In dieser konzentrierten Laberstellung – mit dem Smartphone waagerecht vor dem Gesicht – latschte ein junger Mann aus dem U-Bahnausgang Richtung Ampel, blieb nicht bei Rot stehen, sondern tappte labernd in den fließenden Verkehr. Mein Herz wollte stehen bleiben vor Schreck. Reifen quietschten, lautes Hupen. Und dann … nichts! Alles lief weiter, als wäre nichts geschehen. Der Laberblödmann war seelenruhig zurück auf den Gehweg gegangen, ohne irgendwie beeindruckt zu sein, die Autos fuhren einfach weiter. Kein einziger Passant schien den Vorfall bedeutsam zu finden. Viele hatten ebenfalls ihr Handy waagerecht vor dem Gesicht und quasselten unbeeindruckt. Mir fiel auf, dass dabei alle starr ins Nichts blickten. Sie waren in ihrer Welt, mit ihrem Handy und um sie herum schien nichts weiter zu existieren.

Der nächste Schrecken nahm seinen Lauf.
Noch immer stand ich reglos da, als eine Frau den U-Bahnausgang verließ. Sie schob einen Kinderwagen vor sich, starrte ins Leere. Ihr Smartphone hielt sie waagerecht vor ihrem Gesicht. Mein Puls stieg. Mit schnellen Schritten ging ich an ihre Seite – die Ampel zeigte Rot. Doch sie blieb stehen, sah mich an, »Ich weiß, was sie gedacht haben. Aber ich habe meine Umwelt noch im Blick. Ich mache einen Tag in der Woche Handyabstinenz.« Die Ampel wurde grün.

Mein Entschluss stand fest.
Ich sah der jungen Frau nachdenklich hinterher und beschloss, auch einen Tag ohne Handy zu verbringen. Bevor ich so abhängig bin, dass ich vom Auto überfahren werde.

Wie sehen Sie das? Sollte man einen handyfreien Tag einlegen?

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